Unterweser bei Nacht – heute und vor zwei Jahrzehnten
ein Doppelbericht, von Stefan Villena-Kirschner und Peter-Josef Schünemann (JAN), Fotos von Steffen Wagner
Im Winter warf Steffen die Idee auf, von Bremerhaven zu unserem Vereinsgelände in Bremen an der Lesum zu paddeln, mit dem auflaufenden Wasser, bei Nacht und maximaler Dunkelheit, also Neumond. 55 Kilometer, ca. 6 Stunden Fahrt waren kalkuliert.
Der erste Termin platzte wegen eines gesundheitlichen Problems und frostigen Temperaturen von knackigen vier Grad unter Null. Drei Teilnehmer und eine Teilnehmerin waren eigentlich gesetzt.
Der neue Termin, nun Mitte April, bot die gewünschte Neumond-Nacht, Springtide und die vorausgesagten Wetterbedingungen: 7 – 12°C, 2(4) Beaufort aus West-Nordwest. Wieder schrumpfte das Team krankheitsbedingt, nun auf 2 Personen. Alles war aber gut vorbereitet und wir wollten es nun machen: Ein Streckenplan, der alle wichtigen Fahrwassertonnen mit einer Zeitleiste versah, Beleuchtung (Rundumlicht, Stirnlampen, Hundelichter, Knicklichter), Radarreflektor, Navigationsgeräte, Vesselfinder und Safetrx auf dem Smartphone sowie Verpflegung waren präpariert.
Wir waren etwas zu früh am Anleger des Kanuvereins Unterweser in Bremerhaven. Nach einem kurzen Besuch einer Hafengaststätte gegenüber, ging es zurück zum Anleger an der völlig verschlickten, fast leer gelaufenen Geeste. Wir schalteten unsere „Festbeleuchtung“ ein und legten um 21:50 Uhr ab.
Bei der Ausfahrt aus der Geeste in den offenen Mündungstrichter der Weser wurden wir von einlaufenden Wellen der Außenweser empfangen und, wer hätte das gedacht, von Dunkelheit. Aus der hell erleuchteten, hafenartigen Ausfahrt kommend, mussten sich unsere Augen erst daran gewöhnen. Die Beleuchtung der umgebenden Gebäude und Industrieanlagen, von Schiffen auf Reede und den Seezeichen machten es nicht leicht, die Wasseroberfläche mit ihren Wellen zu lesen und sich zu orientieren. Der beleuchtete Deckskompass half weiter. Das pflichtgemäße weiße Rundumlicht auf einem Stab über Steffens Rücken blendete mich aber immer beim Blick zurück. Die Wasseroberfläche und der Nahbereich blieben schwarz, was uns zu Beginn zu einer irgendwie tastenden Paddeltechnik zwang.
Nach einer Weile fanden wir nicht nur die beleuchteten roten und grünen Lateraltonnen, sondern auch die gelbweißen Unter- und Oberfeuer des ersten Richtfeuers. Wir fuhren durch den Blexer Bogen zunächst außerhalb des Fahrwassers, folgten dem Tonnenstrich. Für uns war noch nicht erkennbar, ob und wo sich Schiffe bewegten.
Je weiter wir dann aus dem Lichtermeer des industriell geprägten Mündungstrichters flussaufwärts paddelten, desto leichter wurde die Orientierung. Später dimmten wir unsere Beleuchtung herunter und gingen zu Rotlicht über, um mehr zu sehen.
Vesselfinder auf dem Display hielt uns ggf. über Schiffsbewegungen auf dem Laufenden. Wir navigierten von da ab nach Richtfeuern, einer Errungenschaft großartiger Ingenieurskunst aus Zeiten deutlich vor der Satellitennavigation. So konnten wir den unbeleuchteten Fahrwasserbegrenzungstonnen aus dem Wege gehen. Eine Kollision mit einer Tonne wollten wir nicht erleben, immerhin kamen wir in der Mitte des Fahrwassers auf eine Reisegeschwindigkeit von 6-7 Knoten.
So wandelte sich unsere Tour zu einer wunderschönen mondlosen Nachtfahrt bei maximal zwei Beaufort über die glatte Unterweser. Bei Dunkelheit hören die Ohren mehr. Der Sound der Industrieanlagen an der Unterweser ließ uns die ganze Fahrt über nicht los, teils weit getragen, bleibt er der konstante Soundtrack dieser Gegend. In den mehr landschaftlichen Abschnitten mit Flussstränden und Auengebüschen signalisierte aber auch die Vogelwelt, dass der Frühling gekommen war. Gänseschwärme, Möwen und Austernfischer aus dem Hinterland drehten auf und Nachtigallen, Waldkäuze und Waldohreulen meldeten sich aus den Ufergehölzen. Ein paar fröhliche Werderfans sangen nach dem gewonnenen Nordderby in der Ferne und zwei für uns unsichtbare Rufer erkundigten sich nach den Fährzeiten. Obwohl wir nicht wussten, ob wir gemeint waren, antworteten wir ins Nichts. Unser Streckenplan kannte die Fährzeiten: „jede volle Stunde!“.
Gegen 3:00 Uhr erreichten wir den Vegesacker Hafen, um 3:45 Uhr den Anleger des Vereins. Unsere Schlafsäcke erwarteten uns schon im Sportraum.
Im Nachhinein erfuhren wir von einem Vorgänger, der die Strecke solo unternahm:
Erinnerungen an eine fast gleiche Tour vor fast 2 Jahrzehnten von JAN
„Ich war Mitte Juli in Bremerhaven angekommen. Hinter mir lagen einige überraschend frei bekommene Tage, die ich an den verschiedenen Stränden der Unterweser vertrödelt hatte. Kurz vor Hochwasser war ich in die Geestemündung gepaddelt. Mein Boot hatte ich mit ausdrücklicher Genehmigung des Hafenmeisters am städtischen Sportbootanleger festgemacht. Noch lagen zwei freie Tage vor mir – wie sollte es weitergehen? Ich könnte das Boot abbauen, mit dem Taxi zum Bahnhof, mit dem Zug nachhause fahren und nach zwei Nächten im eigenen Bett den Dienst antreten. Keine verlockende Aussicht und das quälende Gefühl, mindestens einen Tag auf dem Wasser verschenkt zu haben.
Könnte ich nicht auch mit der nächtens auflaufenden Tide nach Bremen paddeln? Wie weit würde ich kommen? Rönnebeck? Vegesack? TURA? Wie gefährlich würde das werden? Mit der Flut kommen die Schiffe und das winzige Licht auf meinem Hut wäre nur zu leicht zu übersehen. Würde ich die unbeleuchteten Tonnen rechtzeitig genug fürs Ausweichen sehen? Zu meiner Sicherheit würde ich am Tonnenstrich fahren müssen. Wie weit reicht der Lichtstrahl meiner Stirnlampe? Durch pechschwarze Nacht würde ich nur kurze Strecken zu fahren haben, überlegte ich. Außerdem hatte ich ja noch die vor Jahrzehnten angelegte Liste der Kompasskurse von Tonne zu Tonne. So könnte ich erkennen, ob zumindest die Richtung stimmt. Einen Versuch wär’s wert, entschied ich. Dann legte ich mich auf dem Steg schlafen.
Als der Telefonwecker klingelte, war es eine halbe Stunde vor Niedrigwasser, kein Wind. 21:30Uhr, Niedrigwasser laut Gezeitenkalender. Ich legte ab. Die Fähre war in Blexen, kein Schiff zu sehen. Das sollte, wie sich zeigte, bis Vegesack so bleiben. Die Sonne war gerade eben hinter dem Horizont verschwunden, es wurde langsam dunkel. Ich schaltete mein bewährtes Rundumlicht auf dem Hut ein und paddelte munter drauf los. Die Friedrich-August Hütte wurde von unzähligen Lichtern illuminiert; manche weiß, andere gelbstichig. Dann folgte der Anleger des Rudervereins mit einer weißen Laterne, danach der Unionpier mit deutlich mehr Licht.
Meine Erinnerung an diese Fahrt ist mit ganz vielen Lichtern verbunden. Die meisten am Ufer und reflektiert auf dem Fluss. Besonders beeindruckend die Braker Kaje mit den hell beleuchteten Silos als Höhepunkt, danach Lichter in den ufernahen Häusern, dann, bis zur Huntemündung mit der Fahrwasserteilungstonne und dem gelb beschienenen Kegel am Ufer, nur noch Ankerlichter der im Strom vertäuten Segler. Kurz vor Farge, in der ersten Dämmerung, an Backbord das Kraftwerk, dann die Fähre, gefolgt von der Roland- und anderen Werften. Spätestens in Motzen, gegenüber vom Lürssenschen Schwimmdock begann die gelbe „Straßenbeleuchtung“. Als ich hinter der Fähre Vegesack in die Lesum einbog, kündigte sich der Sonnenaufgang schon ganz allmählich an. Bis zu TURA würde ich sicher kommen.
04:30 Uhr, Hochwasser bei TURA. Sieben Stunden entspanntes Paddeln lagen hinter mir. Der Steg war betaut, die Wiese voller Zelte. Sollte ich hier anlegen? Ich war unschlüssig. Lautes Plätschern vom benachbarten Vereinssteg ließ mich herübergucken. Mein segelnder Kollege aus OP-Zeiten, Erich, lag dort mit seinem Eigenbau-Sperrholzkreuzer am Steg und „opferte Neptun“, wie er mir erklärte. Verwundert, mich zu treffen, war er nicht. Dann lud er mich zu sich an Bord ein. Auch der frisch gebrühte Kaffee konnte mich nicht wachhalten. Mit den Füßen in der Hundekoje schlief ich ganz bequem. Pünktlich zum Tidenkipp waren wir beide wach. Erich briet Eier mit Speck auf seinem einflammigen Spirituskocher, ich bereitete Kaffeewasser auf meinem Gaskocher. Toast -ein seltener Gast auf meiner Speisekarte- unter den Eiern und mit Butter und Marmelade – ein schönes Cockpitfrühstück! Der einzige Vogel, an dessen Stimme ich mich deutlich erinnere, war die des Hahns in TURAs Nachbarschaft. Um 14:00 Uhr legte ich ab. Fürs Schleusen in Dammsiel hätte ich mindestens eine halbe Stunde warten müssen, aber die Tide zog schon merklich, da war die Reise auf der Wümme bis Kuhsiel die bessere Wahl. Um 18:00Uhr stieg ich am Bootshaus bei der Universität auf mein Fahrrad. Dienstbeginn am nächsten Tag um 06:00 Uhr.
Würde ich dasselbe noch einmal, und falls, mit welcher Vorbereitung machen? Ich glaube nicht. Und zum Nachmachen empfehlen würde ich’s schon überhaupt nicht. Ich hätte schon Skrupel, einen Kameraden zu fragen, ob er mitfahren würde.“
Lieber JAN, jetzt haben es doch wieder zwei gemacht!








