„… da ist wieder eine!“, denke ich, als sich die nächste Pricke wenige Meter vor mir schemenhaft aus der Dunkelheit materialisiert. Vorsichtig hangele ich mich entlang der Route in meinem Kopf. Der Prickenweg vom Hafen Horumersiel bis zur Jade ist knapp eine Seemeile lang. Da ich ihn in den letzten Jahren häufiger gepaddelt bin, kenne ich seinen Verlauf recht gut. Dies ist allerdings das erste Mal, dass ich bei Dunkelheit unterwegs bin.

Jetzt müsste die scharfe Linkskurve kommen, die mich an der Sandbank vorbei führt, auf der bei niedrigerem Wasserstand oft einige Seehunde liegen. Und dort vorn leuchtet schon die erste grüne Fahrwassertonne.

Eigentlich hatte ich mich mit Ralf, meinem „Partner fürs Grobe“, zu einer Tagestour zum Leuchtturm Roten Sand verabredet. Der Samstag war mit prächtigstem Novemberwetter angekündigt und wir wollten uns Freitagabend in Horumersiel treffen um am Morgen um 6:00 bei Dunkelheit zu starten. Bei Sonnenaufgang würden wir dann bereits in der Jademündung sein. Bei Hochwasser um 4:00 war dies in etwa die letzte Zeit, zu der man in Horumersiel noch über den Strand ohne größere Mühe ins Wasser kommt. Die Stege des Yachthafens waren ja bereits eingeholt.

Leider musste Ralf jedoch am Freitagnachmittag aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig absagen. Er fühlte sich verschnupft und angeschlagen. Mist!

Ich rief einige Paddelfreunde an, aber sie hatten alle schon etwas vor. Christian will am Samstag Rund Langeoog gehen. Kurz überlegte ich, mich ihm anzuschließen, aber er will erst gegen 8:00 starten und ich hatte mich schon auf den Sonnenaufgang auf See gefreut. Ihn reizte zwar auch mein Tourvorschlag, aber er kam gerade vom Wasser und wollte sich nicht gleich wieder auf den Weg machen.

Bei einem südöstlichen Wind der Stärke 4-5 ist im Zusammenfluss von Jade und Weser durchaus mit etwas kabbeliger See zu rechnen. Da der Wind aber im Tagesablauf abnehmen würde, hielt ich das Risiko für vertretbar und beschloss die Tour wie geplant alleine zu fahren.

Ich bin nun am Fahrwasserrand und in der einsetzenden Dämmerung zeichnet sich schemenhaft in einiger Entfernung vor mir ein Turm ab. Ich halte darauf zu und erkenne kurze Zeit später die charakteristische Pilz-Silhouette des Pegels Mellumplate. Da er trotz seines Aussehens kein Leuchtfeuer ist, ist er unbeleuchtet. Als ich ihn nach einer Stunde erreicht habe, ist es kurz vor Sonnenaufgang und die maritime Welt um mich herum erstrahlt magisch in rötlichen Glanz. Nun erkenne ich auch bereits am nördlichen Horizont mein nächstes Ziel, der „Rote Sand“, der wohl idealtypischte und schönste Leuchtturm der Welt!

Ohne die geplante Pause auf der Nordspitze der Mellumplate setze ich meinen Kurs zunächst wie geplant auf ihn ab. Da ich jetzt aber mit dem Hauptstrom der Jade mit über 7 Knoten unterwegs bin wäre ich bei einer Fahrzeit von ca. 90 Minuten für die 10 sm viel zu früh am Turm, den ich nach Möglichkeit erst etwa zum Tidenkipp erreichen möchte. Ich ändere also meine Strategie, bringe einen anderen Turm ins Spiel und steuere nun auf die „Alte Weser“ zu. Von diesem Leuchtturm werde ich mit dem ablaufenden Wasser der Weser dann weiter zum Leuchtturm Roter Sand fahren, um dort zum richtigen Zeitpunkt anzukommen.

Ich habe gerade das Fahrwasser der Weser hinter zwei Containerschiffen passiert und bin etwa 3 sm vor Alte Weser, als ein Lotsenversatz-Katamaran von der Nordsee in die Weser einfährt. Nachdem er mich gesehen hat, korrigiert er seinen Kurs etwas in meine Richtung, dreht dann aber wieder ab.

I confirm you saw a canoe in the outer Weser – can you inform its position?” höre ich kurz darauf von Elbe-Weser Radio im Seefunk, den ich routinemäßig abhöre. Da die See gerade etwas ruppig ist und sich mein Wingpaddel nicht so gut zur einhändigen Stabilisierung eignet wie ein Grönlandpaddel, kann ich nicht sofort selber Entwarnung geben.

So dauert es einige Minuten, bis ich auf Kanal 16 bekannt gebe: „Elbe-Weser Radio, hier ist das gemeldete Seekajak in der Wesermündung. Ich bin bei Tonne A13, auf Kurs Alte Weser. Danach laufe ich zum Rote Sand und dann zurück nach Horumersiel. An Bord ist alles in Ordnung.“

Leider hatte ich mein Funkgerät vor der Tour nicht frisch aufgeladen und bei Aktivierung der Sendetaste blinkt plötzlich das leere Batteriesymbol im Display. So bin ich nicht sicher, ob mein Funkspruch angekommen ist. Daher macht mich ein Geräusch dann doch etwas nervös, dass ich kurz darauf höre: Ein Helikopter. Hoffentlich kommt der nicht meinetwegen, denke ich.

Glücklicherweise ist in meiner Funke noch genug Saft für den Empfang. So höre ich erleichtert, dass Elbe-Weser Radio nun einem einlaufenden Schiff ankündigt, dass der Lotse per Heli auf dem Weg ist.

Den Leuchtturm Roten Sand erreiche ich tatsächlich nur etwa 20 Minuten vor Niedrigwasser. Ich hatte vor, im Kehrwasser hinter dem Turm eine Pause zu machen und etwas zu essen. Bei ruhiger See ist das kein Problem. Heute jedoch laufen die ca. 60cm hohen Wellen, die auf beiden Seiten um den Turm gebeugt werden, in unberechenbarer Kreuzsee zusammen. Mit Mühe gelingt es mir –  situativ stützend – einen Riegel zu essen. Die niedrig stehende Sonne steht dabei genau hinter dem Turm.

Auf der Rückfahrt kann ich Minsener Oog dicht unter Land passieren denn das Robben- und Vogelschutzgebiet gilt nur bis zum 1.10.

Der Wind geht nun fast völlig zurück. Trödelnd gleite ich gemächlich durch die friedliche Spätsommeridylle zurück in an den Strand. Trotz der erfolgreichen Tour bin ich durch das frühe Aufstehen nun doch “schachmatt”.

 

Nautischer Nachtrag (“lesson learned”):
Der Akku meines UKW-Handfunkgerätes (Icom IC-M25) ist im üblichen Empfangsmodus extrem ausdauernd. Ich habe ihn bislang nur alle paar Monate aufgeladen, wenn von den drei Ladebalken einer fehlte. Der Akku zeigte auch bei Beginn dieser Tour noch “voll” an. Der plötzliche Leistungsabfall hing sicher damit zusammen, dass im Sendemodus viel mehr Leistung erforderlich ist als beim Empfang. Laut Handbuch sollte das Gerät nicht voll geladen längere Zeit gelagert werden. Nach meiner Erfahrung auf dieser Tour werde ich den Akku künftig vor jeder Tour voll laden und ihn dann teilentladen bis zur nächsten Tour lagern. Mein Akku ist drei Jahre alt, er sollte alle fünf Jahre getauscht werden.

Zur redundanten Notfall-Alarmierung hatte ich auch noch ein Garmin InReach Mini und Handfackeln dabei.

Generell sollte die Nordsee nicht solo befahren werden.

InReach-Route, 50 km

 

Aquarellmalerei auf Seekarte mit freundlicher Genehmigung von Katharina Noack

0 Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.